Texte 

Petra Lehmkuhl (Berlin) 

Der Wald Vor Lauter Bäumen, 2016
+ Englische Version


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Katharina Ismer – Farbiges Rauschen

Es ist kein ordentlicher Wald, den Katharina Ismers Bilder suggerieren: Aber was ist Ordnung? Wer von Ordnung spricht, meint meistens Überschaubarkeit, ein System, das der Mensch im Griff hat. Kunst geht darüber hinaus. Sie vermag Schritte in noch Ungestaltes zu unternehmen, es erst in den Griff zu bekommen, indem ihm Form erobert wird. Zwar ist das Ordnen in einem geistigen, erfinderischen Sinn, bringt aber nicht von vornherein auch wiedererkennbare Ordnungen hervor, schon gar nicht in Bezug auf einen so präsenten, mit kollektiven Projektionen aller Art aufgeladenen Umweltbereich wie den Wald.

Für Katharina Ismer ist der Wald das Zuhause ihrer Kindheit. Sie ist Tochter eines Landwirts und wuchs im Wald auf. Wenn sie „mein Wald“ sagt, heißt das darum so viel wie: der Ort meiner Spiele, von dem ich herstamme und wo ich bei mir gewesen bin. Dieser Kindheitsort ist vor allem ein erinnerter, auch wenn er an neuen Schauplätzen aufsteigt und mit Motiven angereichert wird. Der Ruf, hereinzukommen in ihren Wald, lässt an Werbung für ein Bühnenstück denken: eine Mischung aus Offenbarung und Camouflage mit den Mitteln der Malerei. Dabei geht es um keine Geschichte mit Wahrheitsgehalt, die zu schildern wäre, um Distanz zu gewinnen. Der Wald steht vielmehr für jene Fiktion, als die Imre Kertész die stets an die Gegenwart des Selbst geknüpfte, der Dynamik des Mythos unterliegende ästhetische Gestalt von Erinnertem ausgemacht hat. Die Tatsachen von einst sind darin ebenso verloren wie eingebrannt, man steht davor wie vor den zugewucherten Trümmern eines anderen Sterns.

Einer der Schauplätze, an denen Katharina Ismers Zwiegespräch mit der Umgebung ihrer Kindheit sich entzündet hat, ist der Darßwald, aber auch andere Waldgebiete nahe der Ostsee, im Küstenvorland und wo sie sonst von Berlin aus hinkommt, waren hierfür geeignet: Wald, den sie als wild erlebt, dem ähnlich, was als Urwald man sich hierzulande vorstellt. Vegetatives Entfalten ist es, was sie malerisch ergründet, eine Freiheitsatmosphäre also, eine Ursprungskonstellation von Kreativität - soweit sie individuell erlebt wird, eng an das eigene Kindsein gebunden, dessen offene Perspektiven sich in dem als unermesslich, aber auch vertraut empfundenen Wachstumsraum der Natur spiegeln. Das ist ein Anspruch in der Tradition der Künstlerkolonien und der aus ihrem Erbe gespeisten expressionistischen Natursicht. Elisabeth von Eickens Waldbilder sprechen davon und nehmen durch ihre mystische Tiefe gefangen. Katharina Ismer gibt dem Wald ein dem verwandtes, aber völlig anderes, sehr zeitgenössisches Erscheinungsbild. Es scheint noch oder wieder Züge eines malerischen Realismus zu enthalten, und doch entstehen keine Landschaftsstücke, die ein dem gemäßes, homogenes Raum- oder Farberlebnis vorführen würden. Stattdessen hat man den Eindruck, dass verschiedene Erlebnisebenen miteinander verschränkt seien zu einer visuellen Inszenierung sinnlicher Totalität, bei der Farben und Linien über das hinaus, was sie für die Augen darstellen, noch eine transitorische Bedeutung außerhalb des Gegenstandes, dem sie unmittelbar unterworfen sind, annehmen. Darauf sich einzulassen, ist umso verlockender, als dieser Gegenstand denkbar in sich verschlungen und fragmentarisch daherkommt, als Vegetabiles im weitesten Sinn, das Dickicht sein kann, Gestrüpp, das Geflecht einer Baumkrone mit Himmelsblick oder auch ein größerer Vegetationszusammenhang mit höhlenartigem Leerraum, der als Lichtung nur mit Vorsicht zu benennen wäre. Man ist eingeführt in eine rauschende Bildwelt, wo es festlich zugeht wie in einer Oper und der rote Faden ähnlich labyrinthische Wege nimmt. Dabei hat jedes einzelne ihrer Bilder eher den Charakter einer Etüde: Im Ergebnis leicht wirkende, aber kompliziert komponierte Gebilde aus autonomen Farbflecken, feinnervigen Linienverläufen und eingefügten Bruchteilen früherer Arbeiten. Diese besonders in den Arbeiten auf Papier vorkommenden collagierten Elemente holen ältere Zeitschichten in die Szene, ihr aufgelöster ästhetischer Status ist eingewoben in das aktuelle Schauen. Bei den Leinwandbildern hingegen liegt oft Älteres unter der obersten Schicht der Malerei, auch dies so eingebunden, dass es ahnbar bleibt, nicht ausgelöscht, sondern gleichsam zurückgestellt hinter das neueste Wagnis des Malens. Worin besteht dieses Wagnis? Offensichtlich darin, dass die fast schon barock anmutende Synthese aufs lockerste gesetzter, ineinander züngelnder Formen die vorher ordnend in ihre Bilder gestreuten, streng geometrischen und reinfarbigen Splitterflächen zu verdrängen im Begriff ist, ohne dass die bildnerische Disziplin darunter leidet, dass das Farbbukett all diese reinen, hellen und leuchtenden Töne in sich aufnimmt und zum Blühen bringt, was noch vor kurzem in schneidendem Formgewand wie eingefroren erschien. Es kann sein, dass dieser Schritt in ein wiederbelebtes Informel ein vorübergehender Befreiungsschlag der Malerin aus Fesseln ist, die der Wettbewerb in der Metropole Berlin ihr anlegt. Die Besinnung auf den Wald als Sphäre einer möglichen Katharsis wäre in einem solchen Kontext nicht neu. Doch eben darum geht es am Ende nicht. Zwar muss nach vorne sehen, wer sich vor Verlust schützen will, doch scheint das Kostbarste nicht selten das Älteste zu sein, wohin man zurückgehen kann, und diese Freiheit sich zu erarbeiten das Schwerste.

Katrin Arrieta

Dr. Katrin Arrieta (Rostock & Ahrenshoop)
Zum Katalog Waldstücke Arbeiten 2010-2013 


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Katharina Ismer – Farbiges Rauschen

Es ist kein ordentlicher Wald, den Katharina Ismers Bilder suggerieren: Aber was ist Ordnung? Wer von Ordnung spricht, meint meistens Überschaubarkeit, ein System, das der Mensch im Griff hat. Kunst geht darüber hinaus. Sie vermag Schritte in noch Ungestaltes zu unternehmen, es erst in den Griff zu bekommen, indem ihm Form erobert wird. Zwar ist das Ordnen in einem geistigen, erfinderischen Sinn, bringt aber nicht von vornherein auch wiedererkennbare Ordnungen hervor, schon gar nicht in Bezug auf einen so präsenten, mit kollektiven Projektionen aller Art aufgeladenen Umweltbereich wie den Wald.

Für Katharina Ismer ist der Wald das Zuhause ihrer Kindheit. Sie ist Tochter eines Landwirts und wuchs im Wald auf. Wenn sie „mein Wald“ sagt, heißt das darum so viel wie: der Ort meiner Spiele, von dem ich herstamme und wo ich bei mir gewesen bin. Dieser Kindheitsort ist vor allem ein erinnerter, auch wenn er an neuen Schauplätzen aufsteigt und mit Motiven angereichert wird. Der Ruf, hereinzukommen in ihren Wald, lässt an Werbung für ein Bühnenstück denken: eine Mischung aus Offenbarung und Camouflage mit den Mitteln der Malerei. Dabei geht es um keine Geschichte mit Wahrheitsgehalt, die zu schildern wäre, um Distanz zu gewinnen. Der Wald steht vielmehr für jene Fiktion, als die Imre Kertész die stets an die Gegenwart des Selbst geknüpfte, der Dynamik des Mythos unterliegende ästhetische Gestalt von Erinnertem ausgemacht hat. Die Tatsachen von einst sind darin ebenso verloren wie eingebrannt, man steht davor wie vor den zugewucherten Trümmern eines anderen Sterns.

Einer der Schauplätze, an denen Katharina Ismers Zwiegespräch mit der Umgebung ihrer Kindheit sich entzündet hat, ist der Darßwald, aber auch andere Waldgebiete nahe der Ostsee, im Küstenvorland und wo sie sonst von Berlin aus hinkommt, waren hierfür geeignet: Wald, den sie als wild erlebt, dem ähnlich, was als Urwald man sich hierzulande vorstellt. Vegetatives Entfalten ist es, was sie malerisch ergründet, eine Freiheitsatmosphäre also, eine Ursprungskonstellation von Kreativität - soweit sie individuell erlebt wird, eng an das eigene Kindsein gebunden, dessen offene Perspektiven sich in dem als unermesslich, aber auch vertraut empfundenen Wachstumsraum der Natur spiegeln. Das ist ein Anspruch in der Tradition der Künstlerkolonien und der aus ihrem Erbe gespeisten expressionistischen Natursicht. Elisabeth von Eickens Waldbilder sprechen davon und nehmen durch ihre mystische Tiefe gefangen. Katharina Ismer gibt dem Wald ein dem verwandtes, aber völlig anderes, sehr zeitgenössisches Erscheinungsbild. Es scheint noch oder wieder Züge eines malerischen Realismus zu enthalten, und doch entstehen keine Landschaftsstücke, die ein dem gemäßes, homogenes Raum- oder Farberlebnis vorführen würden. Stattdessen hat man den Eindruck, dass verschiedene Erlebnisebenen miteinander verschränkt seien zu einer visuellen Inszenierung sinnlicher Totalität, bei der Farben und Linien über das hinaus, was sie für die Augen darstellen, noch eine transitorische Bedeutung außerhalb des Gegenstandes, dem sie unmittelbar unterworfen sind, annehmen. Darauf sich einzulassen, ist umso verlockender, als dieser Gegenstand denkbar in sich verschlungen und fragmentarisch daherkommt, als Vegetabiles im weitesten Sinn, das Dickicht sein kann, Gestrüpp, das Geflecht einer Baumkrone mit Himmelsblick oder auch ein größerer Vegetationszusammenhang mit höhlenartigem Leerraum, der als Lichtung nur mit Vorsicht zu benennen wäre. Man ist eingeführt in eine rauschende Bildwelt, wo es festlich zugeht wie in einer Oper und der rote Faden ähnlich labyrinthische Wege nimmt. Dabei hat jedes einzelne ihrer Bilder eher den Charakter einer Etüde: Im Ergebnis leicht wirkende, aber kompliziert komponierte Gebilde aus autonomen Farbflecken, feinnervigen Linienverläufen und eingefügten Bruchteilen früherer Arbeiten. Diese besonders in den Arbeiten auf Papier vorkommenden collagierten Elemente holen ältere Zeitschichten in die Szene, ihr aufgelöster ästhetischer Status ist eingewoben in das aktuelle Schauen. Bei den Leinwandbildern hingegen liegt oft Älteres unter der obersten Schicht der Malerei, auch dies so eingebunden, dass es ahnbar bleibt, nicht ausgelöscht, sondern gleichsam zurückgestellt hinter das neueste Wagnis des Malens. Worin besteht dieses Wagnis? Offensichtlich darin, dass die fast schon barock anmutende Synthese aufs lockerste gesetzter, ineinander züngelnder Formen die vorher ordnend in ihre Bilder gestreuten, streng geometrischen und reinfarbigen Splitterflächen zu verdrängen im Begriff ist, ohne dass die bildnerische Disziplin darunter leidet, dass das Farbbukett all diese reinen, hellen und leuchtenden Töne in sich aufnimmt und zum Blühen bringt, was noch vor kurzem in schneidendem Formgewand wie eingefroren erschien. Es kann sein, dass dieser Schritt in ein wiederbelebtes Informel ein vorübergehender Befreiungsschlag der Malerin aus Fesseln ist, die der Wettbewerb in der Metropole Berlin ihr anlegt. Die Besinnung auf den Wald als Sphäre einer möglichen Katharsis wäre in einem solchen Kontext nicht neu. Doch eben darum geht es am Ende nicht. Zwar muss nach vorne sehen, wer sich vor Verlust schützen will, doch scheint das Kostbarste nicht selten das Älteste zu sein, wohin man zurückgehen kann, und diese Freiheit sich zu erarbeiten das Schwerste.

Katrin Arrieta

Jens Semrau
Natur – Malerei – Gegenwart. Annäherung an die Bildsprache von Katharina Ismer
Zum Katalog Waldstücke Arbeiten 2010-2013 


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Natur – Malerei – Gegenwart. Annäherung an die Bildsprache von Katharina Ismer


Jens Semrau,  2013


 


Die Malerei von Katharina Ismer erscheint mir bildhaft, was heißen soll: es geht um keine andere Bedeutsamkeit als die des Anschaulichen im Bildgeviert. Das Bildhafte und die Realität haben miteinander zu tun, was nicht selbstverständlich ist – es gibt einen quasi natürlichen poetischen Zusammenhang, allerdings keinerlei Realismus, keine direkten Wirklichkeitsbezüge, aber zweifellos eine Hinwendung zur Natur oder Natürlichkeit, allerdings nicht in einem traditionellen Sinn. Man kann die Grundstimmung vielleicht sogar thematisch als ländliche Einfachheit deuten, obwohl ein solches Thema zu sehr an die traditionelle Landschaftsmalerei erinnert, mit der die Bilder wenig zu tun haben. Diese Malerei erscheint mir jung, weil sie ohne den Ausdruck von Weltschmerz ist, ohne die Gebrochenheit in Farben und Stimmungen, die in meiner Generation als Kultiviertheit empfunden wurde, oder als eine Möglichkeit der Wahrhaftigkeit.  Die Generation von Katharina Ismer hat andere Ziele, andere Farben, andere Strukturen, andere Kunstvorstellungen und Gesinnungen. Jüngere drücken sich anders aus und wollen etwas Neues, etwas Anderes, was manchmal unverständlich wirkt oder wirken soll. 


Katharina Ismer besitzt einen ursprünglichen Impuls zur Malerei.. Ursprünglich ist ganz gewiß der malerische Fluß und die zeichnerische Motorik, ein bewegter Duktus, der durchgängig die Bilder prägt und trägt und der wahrscheinlich von anfang an da war. Es ist eine vielfältige Bewegtheit ohne Ausrichtung, eine quasi stehende, in sich verschlungene Bewegung mit spontanen, manchmal ruppigen-wilden Umbrüchen des Verlaufs und der Richtung. Brechungen gibt es also auch hier, gelegentlich auch eine gewisse Melancholie, was wie gesagt für meine Generation nahe lag. Vielleicht daher wird mir das Verstehen, die Sympathie leicht. Trotzdem wirken die Bilder neu oder jung, das macht für meine Empfindung das Ruppige im Duktus und die Farbenstimmung, teils zarte pastellartig aufgehellte Farben oder teils eine satte Farbigkeit bei monochromen Flächenfacetten, die mir wie Plaste- oder Aluminiumfarben vorkommen, weil die entsprechenden Flächen eine merkwürdig technoide Anmutung haben, wie ich es ähnlich auch bei andern jüngeren Malern gefunden habe. Die geometrisch klaren und monochrom ruhigen Flächen geben den Bildern Stabilität und schaffen oft eine räumliche Situation, ohne das es sozusagen prosaisch eindeutig wird. Auch diese Flächen sind zu allererst Form-Momente, Elemente der Bildsprache. Manchmal sind es Dreiecke oder unegale Flächen, Bänder, Streifen, die collagenhaft zusammentreffen und den ruppigen Duktus überlagern bzw von diesem überwuchert sind. Diese beiden Strukturmomente – der organoide bewegte Duktus und das Facettenhafte der Flächen und Bänder – beide bilden selbständig jeweils ein Bildgerüst, das gegen das andere und mit ihm zusammen einen offenen lebendigen Bildorganismus ausmacht. Dabei entstehen mitunter Räume oder Raumfragmente, die wiederum verunklärt werden. Eine Situation der Einfühlung ins Konkrete im Sinne etwa eines Landschaftsporträts soll gar nicht erst aufkommen, scheint mir. Zweifellos hat diese Malerei viel mit Empfindung, mit Stimmung, mit Wahrnehmung zu tun - man merkt den Bildern an, das sie ihren bestimmten Ausdruck auch durch die Emotion haben, die vielleicht sogar der Grund für die Entstehung der Bilder ist, und dass die Bilder daher authentisch sind. Aber die Malerin läßt sich dadurch nicht abbringen vom eigenen Konzept und Duktus, sie vertraut dem und sie tut gut daran. Wenn ich richtig verstanden habe, was sich mir bei meinen Atelierbesuchen und unseren Gesprächen mitteilte, sind die Bilder nicht konzeptuell gemeint und gemacht, sondern durchaus Resultat des mitunter langwierigen Arbeitsprozesses und der offen bleibenden Suche nach einer stimmigen Form. Mehr oder weniger bewußt angestrebt wird eine Farbigkeit und Formensprache, durch die das heutige Zeitgefühl ausgedrückt wird. Der Arbeitsprozess ist wohl irgendwie immer auch ein Selbstläufer, den zu bändigen – zu strukturieren Mittel der Verfremdung eingesetzt werden, deren Wirkung auf eine schroffe oder befremdende Weise ankommen kann und die dem Zeitgeist zu entsprechen scheint. – Den Zeitgeist empfindet man gern als befremdlich. – Es wäre aber ein Mißverständnis, Katharina Ismer als Protagonistin des Heutigen und des Zeitgeistes zu betrachten. Ihre Bilder sind natürlich von der Gegenwart geprägt, aber ihr Interesse und ihre bildnerische Emotion im Sinne einer Hinwendung zur Natur sind wiederum auch als eine Zeitabgewandtheit zu verstehen. Ihre bildnerischen Metaphern reden nirgndwo von Heutigem, sie sind aber doch von heute. Die Eigenart dieser Poetik scheint mir eine Art Indifferenz zwischen Gegenwart, Kunst, Natur, eine traumwandlerische Indifferenz, insofern etwas gemeint ist, was nicht an- und ausgesprochen, aber vorausgesetzt wird: Es geht sowohl um Natur wie um Malerei, wie um Gegenwart. Die Malerin baut da auch auf den Eigenwillen des Bildes. Auf Zweideutigkeiten angesprochen, also etwa auf die sogenannte unfreiwillige Assoziation, bekannte sie sich zum Traum von ihrem Bild, so nannte sie es. Die Märchenwelt bei E.T.A. Hoffmann kam mir in den Sinn, wo man auch nicht sicher ist, in welcher Welt die Musik spielt und die Handlung sich bewegt. Dort ist es die Welt der Literatur, wie hier die der Malerei, die beide jeweils vom Vertrauen auf die natürliche Dunkelheit des Poetischen leben. Auf jeden Fall entsteht der poetische Gedanke hier durch das Bild und die Malerei, nicht umgekehrt, nicht als Illustration einer Idee. Auch der Gegenwartscharakter ist nur glaubhaft, weil er keine vorsätzliche Botschaft ist, sondern sich eher visuell erahnen läßt. – Man hat bei manchen Bildern den Eindruck einer tastenden Strukturierung. Etwa beim Bild „Im Gebüsch“ sind Linien wie Mikadostäbe über gestrüppartige Wucherungen gelegt – wie auf der Suche nach Richtungsansätzen, nach einer Struktur. Dennoch ist eine Bildordnung vorhanden, die durch die Gewichte auf der Fläche hergestellt wird, was sicherlich aus dem Bauch heraus gesteuert ist. Das hat sozusagen Methode, aber diese Malerei erscheint mir nicht methodenbewußt oder methodendemonstrativ, wobei im Bild noch eine Theorie demonstriert würde. Die frühen Avantgardisten entwickelten ein eigenes ‚System’ der Abstraktion, sie rechtfertigten sich durch einen ‚Stil’. Das hat oft eine Angestrengtheit der Sprache zur Folge. Heute ist Stil im methodischen Sinne unnötig, glaube ich. Was den Kunstausdruck wirklich rechtfertigt, ist seine Selbstverständlichkeit. Man sieht, wenn man sich Zeit lässt, ob die bildnerischen Erfindungen Sinn machen und mit der Ordnung der Welt etwas zu tun haben. Man hat es mit bildnerischen Erfindungen zu tun: mit der Erfindung von Räumen, von Landschaft, von Figuration, auch von Symbolen, denn Duktus und Struktur haben einen Charakter und Ausdruck, der über das Strukturelle hinaus ins Symbolische weist. 


 

Carolyn Heinz zur  Ausstellung Grünzone, Hamburg  2008


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August 2008  

Grünzone 

Bedeutende Malerei erschließt die Welt. In Katharina Ismers Bildern ist es eines der zentralen Themen der Moderne, die Spannung zwischen Zivilisation und Natur, die den Prozess der malerischen Gestaltung vorantreibt. 
Einerseits fügen sich in ihren Bildern strenge geometrische Formen zu einer tragenden Struktur zusammen, andererseits gerät dieses Gefüge dadurch in Bewegung, dass ein Gewirr verzweigter, naturhaft wuchernder Linien sich an die Struktur anheftet, sie überlagert oder in sie eindringt. Der Exaktheit der Konstruktion wird die freie malerische Geste entgegengestellt. Das Spiel der Gegensätze setzt sich im Inneren der Extreme fort. Wenn die das Bild zusammenhaltenden Strukturen an aufeinander getürmte Bauelemente, oft an ganze architektonische Komplexe erinnern, so wird dies durch den großen Reichtum von (oft leichten) Farben, in denen die Elemente erscheinen, wieder dementiert. Das Technische der Konstruktion verwandelt sich in eine ortlos schwebende Phantasiearchitektur. 
Auf der anderen Seite verweigert sich das organisch wuchernde Liniengewirr der Vielfarbigkeit der Natur. Bisweilen weist es eine einheitlich grüne oder blaue Tönung auf, bisweilen ist seine Erscheinung dunkel bis hinein ins Schwarze. Auf diese Weise gewinnt der tragende Gegensatz eine immer neue Ausdeutung. 
Wenn das System geometrischer Strukturen auf ein gestisch wucherndes, vegetabiles Geflecht trifft, kann dies einen eher harmonisch-romantisierenden, ebenso aber auch einen düster-morbiden, fast apokalyptischen Charakter annehmen – ganz unterschiedlich geht das Kräftemessen zwischen diesen beiden Polen aus. 
Erinnerungsspuren sind in den Bildern zu entdecken, darauf verweisen auch ihre Titel. Aber es geht nicht um eine reine Wiedergabe der unmittelbaren Eindrücke. Das Sichtbare muss aufgelöst, eine neue, eigene bildnerische Realität geschaffen werden. So dri ngen die Bilder von Katharina Ismer in die an der Oberfläche nicht sichtbaren wesentlichen Bedeutungen unserer Lebensräume ein.Carolyn Heinz

Edzard Brahms zur  Ausstellung Waldstadt, Berlin 2008


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August 2008 

Waldstadt 
Der Titel der neuen Ausstellung von Katharina Ismer fasst in einem Wort die beiden Themenfelder zusammen, welche die Künstlerin in ihren Malereien zusammenfügt: Wald und Stadt, Natur und Architektur, das Wilde, Ungezähmte und das von Menschenhand erschaffene. Organische Strukturen überlagern die geometrischen Formen der Stadt. Immer wieder liefern 
ihre Bilder neue und unterschiedliche Blickwinkel auf den urbanen Raum in seinem Verhältnis zur Natur. 
Mal dominiert die tiefe Perspektive dreidimensionaler Körper, überwuchert von wilden Zweigen wie in „Betongarten“, mal verschwimmt die Tiefe des Stadtraums in der Zweidimensionalität von farbigen Flächen, mit denen Ranken und Äste harmonisch verschmelzen wie in „Bordstein“. Immer wieder neu muss der Betrachter dieses Spannungsfeld entschlüsseln, immer wieder neu das Verhältnis zwischen Wald und Stadt bewerten. Die Auseinandersetzung Katharina Ismers mit diesem Themenbereich ist auch eine biographische. Aufgewachsen in einer ländlichen Gegend in einem Haus mitten im Wald bestimmte die Landschaft ihr Frühwerk. Angeregt durch längere Aufenthalte in London, Paris und New York und nicht zuletzt durch den Einfluss ihrer Wahlheimat Berlin erweiterte sich ihr Werk zunehmend auf das Thema Großstadt. Die inhaltliche Spannung zwischen Natur und Stadt, die ihre aktuellen Arbeiten dominiert, fließt auch in den Arbeitsprozess und die Materialität der Bilder ein. Der Dualismus auf inhaltlicher Ebene spiegelt sich in der Materialität der Arbeiten wieder: Kräftige Braun-und Grüntöne treffen auf helle klare Farben, pastose Farbflächen auf schwungvolles Geäst einzelner Pinselstriche. Farbige, transluzente Tusche besteht neben der fast haptischen Dichte von Öl-und Acrylfarbe. Den Werken zugrunde liegt eine festgelegte, geometrische Grundstruktur, a uf die dynamisch in gestischer Malerei Formen aus der Pflanzenwelt aufgetragen werden, gleich einer impulsiven Natur, die sich in geordneten, festen Strukturen ihren Platz sucht und sich dort behauptet.Edzard Brahms.

Dr. Christian Malycha
Sentiment & Geometrie Katalogtext Draußen vor dem Fenster 2007
+ Englisch Version


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Sentiment & Geometrie

 

Um auf einem Bild bestehen zu können, muss die Erscheinung einer Landschaft malerisch ’entwurzelt’ werden. Auf der Grenze von Anschauung und Erinnerung muss sie wiedererschaffen und zu etwas bildnerisch Gegenwärtigem gewandelt werden. Auf dieser Grenze bewegt sich Katharina Ismer. Malend durchmisst sie ihre Wahrnehmungen – flüchtige Lichtsituationen, die Stimmung eines Tages oder Ortes, die Farben der Jahreszeiten – und lässt sich von Zeit und Gedanken wie in einem Tagebuch tragen.
Ihre Empfindungslandschaften erscheinen als facettierte Farbkompartimente und gleitende Farbbänder. Harsch prallen gestisches Gespür und strukturale Härte aufeinander, die Tektonik wird mit floral verzogenem Farbvortrag überspannt. Katharina Ismers Strich wiegt sich wie das Blattwerk, durch welches man in CHAMBER auf einen ockern aufgezogenen Himmel blickt. Die aufgerauten Farbmassen lichten sich und selbst die Schatten leuchten still. Dem milden Flächenlicht ist ein undurchsichtiges, bläulich weißes Rechteck vorgeblendet, welches den Blick noch sanfter vergehen lässt. Die blockhaften Flächen auf ZWEI WANDERER in Türkis und Flieder sowie die gelben Bänder werden hingegen transparent und von violetten Hügeln oder Wurzeln, rosaockernen Wolken und blauen Himmelsfetzen komplementär gehalten, während die beiden Bäume dicht und gewunden aufragen. Katharina Ismers Bildwelten sind fragil aufgefaltete Landschaftsfolien, vor welchen sich ausladende Formationen auf ZEIT NACH WEIHNACHTEN verästeln oder in AMAZONAS ornamental verwirbeln. Architektur und Botanik schließen sich dabei keineswegs aus. Die Gegensätze von WALD-STADT zerfasern und bringen einander dennoch wechselseitig hervor. Gleißend schweben die Bildgründe auf HIMMELSLEITER oder FONTAINEBELAU zwischen konstruktiven Flächen und organisch filigranen Strichlagen, die sich flächig, bisweilen auch straff rhythmisiert ineinander schieben. In CUBICLES hat Katharina Ismer mit kurzen Aufstrichen ein direkt aus dem gestischen Malvorgang gewonnenes Landschaftsloch in das asymmetrische Strukturfeld gerissen. Die Gründe verwischen in bewegtem Farbvollzug und die ortlosen Perspektivbänder umschließen die Figurationen. Einblick gibt dieses Panorama in die Bildlandschaft: Naturhaft muss sie aus der Farbe selbst empfunden sein. 


Ein Bild wie DRAUSSEN VOR DEM FENSTER hält geradezu diesen empfundenen Bruch von Natur und Bildwirklichkeit offen. Die stehengelassenen Malspuren im Bildinnenraum künden vom langwierigen Prozess, die Farbe wuchern oder sich prismatisch sammeln zu lassen. Empfinden und Malakt fallen in Eins, ohne dass Katharina Ismer zu allzu einfachen Antworten gelangte. Heißt das Bild auch DRAUSSEN VOR DEM FENSTER, drinnen auf dem Bild muss man zu sehen zunächst erst lernen, bis mit einem Mal eine malerische Welt vor Augen steht: Unähnlich, doch unmittelbar voll Sentiment und Geometrie aus der Farbe empfunden. Christian Malycha September 2007
 

Sentiment & Geometry

 

In order to withstand upon a painting the appearance of any landscape has painterly to be ’disinterred’. It has to be re-created and transformed into something pictorially present upon the boundary of contemplation and remembrance. It is upon this threshold that Katharina Ismer situates herself. Painting she gauges her perceptions – fleeting situations of light, the mood of a day or place, the seasonal colours – and she lets time and thoughts carry her away like in a diary. 
Her landscapes of sensitivity appear as facetted colour compartments and gliding bands of colour. The feel for harsh gestures and structural force collide. Tectonics are spanned with a florally bent colour flow. Katharina Ismer’s strokes sway like the foliage through which one glances at the wide ochre sky in chamber. Roughened colour masses thin out and shadows shine calmly. Mild planar light is faced by an opaque bluish white rectangle that lets the view fade even more tenderly. Opposed to this block-like planes in turquoise and lilac as well as the yellow colour bands on zwei wanderer become transparent and are complementarily held by violet hills or roots, pink ochre clouds and blue sky-tatters, while the two trees densely and tortuously jut. | Zwei Wanderer 2007 Öl / Tusche auf Nessel 
130 x 120 cm
Katharina Ismer’s pictorial worlds are foils of landscape fragilely unfolded. In front of them, broad formations branch out like on zeit nach weihnachten or swirl ornamentally in amazonas. Herein, architecture and botany do not exclude each other. In wald-stadt their conflict frays as they mutually produce each other. Gleamingly planes hover on himmelsleiter or fontainebleau in the midst of constructive grids and organically filigree layers of strokes which merge into one another – in a planar and at times strictly rhythmic manner. With short upstrokes Katharina Ismer rips a vast cavity of landscape into the asymmetrical structure-field of cubicles. In direct response to the gestural act of painting, figurations thus become enveloped in blurring or agitatedly enforced colours and dislocated perspective bands. A panoramatic insight into the pictorial landscape which has nature-like to be felt out of colour itself. A picture such as draussen vor dem fenster maintains this sensory crack-up between nature and pictorial reality. Traces of painting are randomly exposed within the picture’s interior. They bear witness to the laborious process of letting colour grow rampantly or gather prismatically. Sensitivity and the act of painting fall into one without Katharina Ismer formulating all too simple answers. Even if the picture is called draussen vor dem fenster, one has to learn to see inside the painting at first, until all of a sudden a painterly world reveals itself to one’s eyes: Dissimilar but immediately full of sentiment and geometry, felt out of colour itself. Christian Malycha

Ana Finel Honigmann Villa Grisebach, Berlin 2007

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Hotbed Berlin

 

Berlin is now Europe's hottest art city - an affordable and liveable place that enables artists to produce and present some of the most challenging work to be seen anywhere. Their art is often challenging, impolite and arresting. So it is no surprise that clashes between order and chaos are a common theme in many of the exhibitions currently on view.
The first such sighting is in a joint show at the Villa Grisebach Gallery, where Alvar Beyer and Katharina Ismer create geometric abstractions that compliment and contrast with each other. While Beyer paints architectural, structured, yet softened shapes that evoke urban structures and 1970's patterned design, Ismer crafts complex nature scenes of free-floating lush, leafy branches and piles of kindling, interspersed with patches of solid, bold, synthetic color. Ismer's intent is plainly to combine forms from architecture, interior design and nature, but in her images the standing trees and stacks of cut wood often override her references to man-made structures. Strikingly, the forms in the Diepholz-born painter's images become more apparent and interesting in close proximity to Beyer's color-fields, while the strict design, clean lines and cool colors in the Weimar-born Beyer's paintings calm the implication of chaos and the gestural feel of Ismer's dense, clashing constellations of forms and color.

For example, Fontainebleau, a 2006 painting by Ismer, at first presents a straightforward, simplified depiction of trees growing along the side of a concrete road. At closer examination it exposes the whimsical illogic of the image. The trees are not planted by the grey zig-zagging pattern but on it. One of the trees seems even to be sprouting from behind or from within a tilted turquoise square, which could be read as sky, but in its actual position adds a surrealistic element of mystery to the scene. Where Ismer's abstraction expresses the cluttered conflict between man and nature, Beyer cleans it all. Beyer, who doesn't attempt to ground his forms in any obvious worldly reference point, might not play with the laws of gravity or the logic of nature so blatantly, but his light colors and the soft perimeters of his forms add a joyful aspect of randomness to the paintings' otherwise precise geometry. Beyer's 2005 ArchitekturI consists of lines of color - black, grey, peach, and tangerine - streaking across an all-pale cream colored canvas like a highway. Ana Finel Honigman
12. January 2007

 


Petra Lemkuhl , Berlin 2003


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August 2003 
 
Die beiden Tiere
„Ich komm ganz langsam über dichIch komm ganz langsam über dich
so als hättest
im Traum ein Picknick.
Es werden keine Ameisen dasein.
Es wird nicht regnen.“ Richard Brautigan

Seit ihren Reisen nach Paris und New York ist zunehmend die Großstadt Thema in Katharina Ismers Arbeiten geworden. Hatte früher die Natur ihre Bilder dominiert, so hetzt sie nun diese beiden Tiere aufeinander. Doch ist dies kein wilder Kampf, es ist ein ruhiges, ehrliches Kräftemessen.In „Große Eiche" (165 x 200 cm, 2004) bildet ein vielfarbiges Raster aus verschieden breiten Streben den Grund. Auf diesem Raster erstrecken sich spielerische Linien und Flächen, die ebenfalls miteinander in Verbindung zu treten scheinen. Auf dieser zweiten Ebene herrschen die warmen Töne vor. Wir finden hauptsächlich ein Braun; dann noch Abwandlungen von rostrot bis grün. Der Untergrund, die erste Ebene beinhaltet Farben wie rosa, blau, 
türkis...Dieser Untergrund, der sich  sehr flächig präsentiert, erweckt doch den Anschein einer Häuserfassade, riesige Hochhäuser, die sich über das Bild erstrecken. Die amorphen Formen, die sich darauf breit machen, lassen sich aber nicht einschüchtern; fröhlich verästeln sich die Linien in alle Richtungen und erzeugen so den Anschein von Tiefe.Der Titel deutet daraufhin, dass hier eine Eiche dargestellt ist. Die Stärke, die man diesem Baum zuordnet, wird dem Betrachter in diesem Bild demonstriert. Wir schauen in die Lebendigkeit des Baumes und ehe wir uns versehen, ist diese Stadt hinter ihm verschwunden.„Büsche und Häuser“, 2004 irritiert auf den ersten Blick. Ist es denn auch Richtig herum? Da stehen diese monumentalen Quader auf den filigranen Linien, die auch nur zu schweben scheinen. Aber es ist ein Spiel; der untere Teil der Häuserfronten ist nur verdeckt von den Sträuchern und Bäumen und erstreckt sich über die Elemente der Natur hinaus. Diese Begegnung wirkt freundlich, denn die Fassaden haben die Farbigkeit der Äste angenommen; sie sind grün und braun. Die obere und die untere Bildhälfte treffen sich genau in der Mitte; das Kräfteverhältnis ist ausgeglichen. Die Gegensätze scheinen fast ineinander überzugehen. Es ist als würde die Stadt mit ihren Bäumen schlafen. Petra Lehmkuhl